Warum ich Tokyo und nicht Tokio schreibe: Die kulturelle Nuance einer (fast) korrekten Transliteration

Tokyo Tower als Symbol für die Stadt Tokyo in Japan

Als ich mein fünfmonatiges Auslandssemester in Tokyo begann, war Sprache für mich längst mehr als ein Mittel zur Verständigung. Ich studiere Buddhismuskunde und arbeite philologisch mit Texten, Übersetzungen und feinen Bedeutungsverschiebungen ins Deutsche und Englische. Wörter sind für mich nie neutral. Sie tragen Geschichte, Klang, Haltung.

Die Schreibweise Tokyo war mir dabei schon lange vertraut. In vielen englischsprachigen Fachpublikationen meines Studienfachs tauchte sie ganz selbstverständlich auf. Und ebenso lange hatte ich mich gefragt, warum der Name dieser Stadt mit einem y geschrieben wird, obwohl im Deutschen „Tokio“ weit mehr verbreitet ist.

Diese Frage begleitete mich, lange bevor ich selbst nach Japan ging. Erst etwa ein Jahr vor meinem Auslandsaufenthalt, als ich begann, Japanisch zu lernen, fügte sich das Bild langsam zusammen. Schon länger ging es für mich nicht mehr nur um Gewohnheit oder Konvention, sondern um Lautung, Schriftsysteme, und um die feinen Entscheidungen, die wir treffen, wenn wir Sprache von einem kulturellen Raum in einen anderen übertragen.

Bevor wir also darüber sprechen, warum Tokyo zwar näher an der japanischen Aussprache liegt, und trotzdem nur eine „fast“ richtige Lösung ist, lohnt sich ein kurzer Blick auf einen Begriff, der dabei oft genannt wird: Transliteration.

Denn was wir hier verhandeln, ist weniger eine orthografische Frage als eine Entscheidung darüber, wie Sprache zwischen unterschiedlichen Schriftsystemen vermittelt wird.

Der Begriff Transliteration kommt aus der Sprachwissenschaft. Werden Begriffe aus anderen Sprachen, die keine lateinischen Buchstaben haben, in lateinischen Buchstaben geschrieben, wird das Transliteration genannt.

Was im Japanischen tatsächlich passiert

Die Stadt heißt auf Japanisch: とうきょう (toukyou, oder tōkyō)

Das Entscheidende: kyou ist eine Einheit. Ein „i“ würde im Deutschen intuitiv zu etwas führen wir ki-o. Das ist vom Laut her weiter weg vom Japanischen als kyo.

Tokyo, Tokio – und was dabei eigentlich übertragen wird

Wenn japanische Wörter mit lateinischen Buchstaben geschrieben werden, geht es nicht nur um Geschmack, sondern um unterschiedliche Übertragungsprinzipien.
Transliteration
→ überträgt Schriftzeichen systematisch in ein anderes Schriftsystem.
Im Japanischen ist dafür die Hepburn-Umschrift gebräuchlich:
Tōkyō (mit Längenzeichen).
Vereinfachte Transliteration
→ lässt diakritische Zeichen (also hier den Strich über dem o) weg, bleibt aber lautlich nah. So entsteht die international verbreitete Form Tokyo.
Tokio
→ ist eine eingedeutschte Schreibweise, die sich an deutschen Lesegewohnheiten orientiert. Sie ist korrekt, bildet den japanischen Klang aber weniger genau ab. Der eigentliche Verlust entsteht also nicht durch das y, sondern durch das fehlende lange ō.

Fazit

Tokyo mit „y“ ist die kulturell und sprachlich korrekte Schreibweise, da sie die Aussprache im Japanischen genauer widerspiegelt. Na ja, fast. Weil der Strich ja über dem o fehlt.

Beide Schreibweisen, mit „i“ und „y“, sind im Duden akzeptiert und gültig. Dennoch habe ich mich für das „y“ entschieden, um die ursprüngliche Bedeutung und Klangtreue zu bewahren. Es ist mein Respekt vor der Sprache, und gleichzeitig wie eine Hommage an die japanische Kultur, die ich achte, und die so viel Wert auf Genauigkeit und Tradition legt.

Genau dieses Innehalten, dieses bewusste Beobachten der eigenen Wahrnehmung, ist das, was ich als Metareflexion beschreibe: einen Schritt zurücktreten, um zu sehen, wie Denken, Sprache und Bedeutung ineinandergreifen.

Einige meiner stilleren Wahrnehmungen findest du auch im Achtsamkeitstagebuch.

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