Zurück nach Japan

Beitragsbild: Zurück nach Japan mit japanischer Flagge im Hintergrund

Japan ruft – wieder.

Nicht wie damals, vor zwei Jahren, als alles neu war und das Leben in Koffern passte. Diesmal reisen wir als Familie. Mein Sohn, sein Freund, die Mutter des Freundes. Mein Mann. Ich. Zwei Wochen gemeinsam. Zwei Wochen zu zweit.

Die Koffer stehen schon offen. Listen werden geschrieben, wieder verworfen, neu sortiert. Zwischen Zahnbürsten und Steckdosenadaptern schleicht sich ein anderes Gepäckstück: Erinnerung. An fünf Monate Studium, Stille, Einsamkeit, Entdeckung. An das Leben dort – nicht nur den Urlaub.

Und während ich noch versuche zu packen, merke ich: Ich reise nicht nur los. Ich kehre auch zurück.

Zwei Reisen in einer

Diese Reise hat zwei Gesichter. In den ersten Wochen sind wir fünf. Drei von uns kennen Japan bereits. Haben mich vor zwei Jahren besucht, als ich dort lebte, studierte, suchte, fand. Die Begeisterung, die wir teilen, ist kein Zufall – sie ist gewachsen aus dem, was wir dort erlebt haben.

Jetzt kehren wir gemeinsam zurück. Tokyo, Kyoto, Straßen voller Lichter. U-Bahn-Geruch, die Stille in einem Konbini um Mitternacht, das erste Shabu Shabu. Für die anderen ist es neu. Für uns: Wiedersehen mit dem Vertrauten, in neuem Licht. Ich bin nicht die Fremde, die erklärt – sondern jemand, der gemeinsam staunt.

Und dann, nach zwei Wochen, verändert sich das Tempo. Der Trubel bleibt zurück, wir reisen zu zweit weiter – mein Mann und ich. In die Berge. An die Küste. In Wälder, die anders rauschen als die Stadt. Kein Programm, kein Plan – nur das Bedürfnis nach Weite. Nach Stille, die nicht leer ist, sondern trägt.

Ein neuer Blick auf ein bekanntes Land. Kein Wiederholen, sondern Vertiefen.

Erinnerung trifft Gegenwart

Manchmal reicht ein Geruch, und alles ist wieder da. Der Duft von Tatami, ein vorbeihuschender Gong in der Ferne, die knisternde Ruhe in einem Onsen. Ich weiß, dass ich mich erinnern werde, auch wenn ich es nicht will. Und ich weiß, dass es nicht dieselbe Erinnerung sein wird wie damals.

Denn ich bin nicht mehr dieselbe.

Ich war so vieles in diesen fünf Monaten: allein, aufgeregt, überfordert, frei, ruhig, mutig. Jetzt komme ich als jemand zurück, die all das erlebt und integriert hat. Die Erinnerung ist da, ja. Aber sie sitzt jetzt neben mir, nicht mehr auf meinen Schultern.

Es wird Orte geben, die mir vertraut sind und sich trotzdem verändert haben. Weil ich mich verändert habe. Und es wird Momente geben, in denen ich kurz innehalte, weil ich spüre: Genau hier habe ich etwas gelernt. Oder losgelassen.

Die Gegenwart fragt nicht nach der Vergangenheit. Aber sie lädt sie ein, mitzuwirken.
Und vielleicht ist das das Schönste an dieser Reise: Dass sie nicht nur neu wird, sondern auch tiefer.

Ein leiser Übergang

Wir landen in Osaka. Nicht in Tokyo, wie beim letzten Mal. Haneda kenne ich schon – seine Geräusche, die Laufwege, sogar das Tempo der Rolltreppen. Osaka ist neu. Und ich freue mich auf dieses Neue, schon bevor das Flugzeug abhebt. Der Flughafen soll besonders sein – klarer, schöner, vielleicht auch japanischer in seiner Art. Ich werde es sehen.

Unser erstes Zuhause: ein Ferienhaus. Ein paar Tage ankommen, langsam eintauchen. Nicht gleich in Hotels und U-Bahnen, sondern in Räume mit eigenem Atem. Frühstück am Holztisch, ein Blick aus dem Fenster in ein fremdes Viertel, das vielleicht ganz still ist – oder voller Hundegebell und Morgenmopeds.

Von dort geht es weiter: Kobe, Kyoto, dann Tokyo. Ein Bogen durch Erinnerungen, durch Lieblingsorte, durch neue Konstellationen. Ich frage mich, wie Kyoto sich anfühlen wird mit mehr Menschen an meiner Seite – mit Gesprächen beim Gehen, mit gemeinsamem Schweigen in Tempelhöfen. Und ich freue mich auf Tokyo – mein altes Zentrum, das mich so oft überfordert und gleichzeitig beschützt hat.

Danach beginnt unsere Zeit zu zweit. Alexander und ich. Wir brechen auf nach Kawaguchi-ko – raus aus der Dichte, rein in die Natur. Berge. Wasser. Und wenn wir Glück haben: der Fuji, in seiner ganzen stillen Wucht.

Ich habe Bücher dabei, alle auf dem E-Reader – bis auf zwei. Das Kopfkissenbuch für abends. Ein echtes, gedrucktes, leises Buch. Und Brüste und Eier von Mieko Kawakami. Ein Roman auf dem E-Reader: Butter von Asako Yuzuki. 

Vielleicht lese ich abends. Vielleicht auch nicht. Vielleicht reicht es, die Bücher einfach dabei zu haben, als leise Stimmen im Hintergrund dieser Reise.

Ein Blick nach vorn

Ich plane, die Uni in Tokyo zu besuchen. Im August traf ich zwei meiner Professor:innen auf einer Konferenz in Leipzig – ein warmer Moment, ein Wiedersehen mit Tiefe. Sie luden mich herzlich ein, vorbeizukommen, wenn ich in Tokyo bin. Aber im September sind in Japan noch Ferien, und ob sie wirklich vor Ort sein werden, weiß ich nicht. Vielleicht klappt es. Vielleicht auch nicht. Ich lasse es offen, wie so vieles auf dieser Reise.

Denn ich habe keine To-do-Liste, nur eine innere Landkarte. Ein paar vertraute Orte, ein paar neue Linien. Und viel Raum dazwischen.

Was mich gerade am meisten bewegt, ist: Wie fühlt es sich an, an einen Ort zurückzukehren, der einmal Zuhause war, aber jetzt wieder etwas anderes ist?

Wie verändert sich die Erinnerung, wenn man sie nicht nur denkt, sondern betritt?

Vielleicht finde ich Antworten in einem Café in Kyoto, in einer Bergpause in Kawaguchi-ko, oder einfach in einem Gespräch beim Gehen mit Alexander.

Und vielleicht habt ihr auch eigene Erinnerungen an Japan? Wart ihr schon einmal dort? Oder träumt ihr davon?

Mich fasziniert dieses Land nach all den Jahren immer noch – nicht, weil es exotisch wäre, sondern weil es in seiner Stille oft mehr sagt als hundert Worte. Vielleicht ist es genau das: ein Ort, der zuhört. Und darin ähnelt er dem, was ich mit BuddhasPfad suche.

Ich werde unterwegs sein – aber nicht weg.
Und wenn du magst, nehme ich dich mit.
Nicht mit Fotos, sondern mit Gedanken.
Nicht mit Tipps, sondern mit Spuren.

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