Field Notes: Zwischen Kopfkino und Mut – Mein Weg nach Japan

Pegbee in Tokio auf Fußgängerüberweg, lächelt mit Sonnenbrille – Symbol für Mut und neue Wege

Es war ein Dienstagabend, als ich zum ersten Mal weinte.
Nicht aus Rührung. Nicht aus Dankbarkeit. Sondern weil ich begriff: Mein lang ersehntes Auslandssemester in der Tibetischen Autonomen Region Chinas würde nicht stattfinden.

Ich studiere tibetischen Buddhismus. Ich wollte dorthin, wo er lebt, atmet, wirkt.
Doch dann kam die Pandemie, und mit ihr ein Nein, das sich anfühlte wie Abschied von einem Traum.

Pläne brachen weg. Perspektiven verschwammen. Ich fühlte mich leer und orientierungslos. Und dann: Gespräche. Viele. Zögerliche Fragen. Und schließlich eine Tür, die sich öffnete.

Japan.

Nicht Tibet. Aber Asien. Anders.
Fremd.
Faszinierend.

Entscheidungen treffen, wenn nichts sicher ist

Die Möglichkeit, nach Tokyo zu gehen, kam nicht als strahlende Vision, sondern als vorsichtige Alternative.
Ich tastete mich heran. Las. Hörte zu. Spürte hinein.
Und obwohl mein Bauch sich querstellte und mein Kopf wild spekulierte,
spürte ich einen leisen Impuls: Tu es.

Mir fiel der Song von den Rolling Stones ein: “You can’t always get what you want”.

Was mir geholfen hat, war genau dieser Gedanke: Es ist vielleicht nicht das Ziel, das ich mir gewünscht habe. Aber vielleicht genau das, was ich jetzt brauche.

Also habe ich zugesagt. Und bin losgeflogen, mit einer Mischung aus Vorfreude, Angst, Neugier und einer kleinen Meditation im Gepäck.

Tokyo: riesig, fremd, und doch freundlich

An meiner Uni sprach etwa die Hälfte kein Englisch. Außerhalb? Vielleicht 10 %.
Ich stand oft minutenlang vor Produktregalen und hatte keine Ahnung, was ich da sah. Schriftzeichen, die ich nicht lesen konnte. Verpackungen ohne Bilder. Ich tastete mich durch. Nutzte die Vokabel-Apps mehr schlecht als recht.

Einmal kaufte ich eine Packung, die ich für Cracker hielt. Es war getrockneter Fisch.
Ein anderes Mal war es umgekehrt: Süßes, wo ich Salziges erwartet hatte. Ich lachte über mich selbst. Und lernte.

Was mich getragen hat, war die unglaubliche Freundlichkeit der Menschen.
Sie erklärten, zeigten, schenkten mir Zeit.
Ein Nicken, ein Lächeln, manchmal ist das mehr als Sprache.

Die VUCA-Welt hautnah

Tokyo war für mich ein persönliches Training in der sogenannten VUCA-Welt:
Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität. Nichts war vorhersehbar. Alles war ein wenig zu viel. Und trotzdem: Ich war da. Ich blieb da. Ich lernte, mich zu orientieren, innen wie außen.

Ich lernte, dass Sicherheit nicht aus dem Außen kommt.
Sondern aus dem Kontakt mit mir selbst.

Wenn der Verstand nicht aufhört zu sprechen

Noch vor meiner Abreise suchte ich im Netz nach Sicherheit:
Statistiken, Rankings, Erfahrungsberichte. Schon 2022, also vor meiner Abreise, belegte Japan im Global Peace Index einen beeindruckenden 10. Platz – deutlich vor Deutschland, das auf Rang 16 lag. Ein Zeichen für Stabilität, geringe Kriminalität und eine friedliche Gesellschaft. (1)

✨ Ein kurzer Sprung nach heute:
Der Global Peace Index 2023 bestätigte Japans friedliche Position – wieder unter den Top 10. Deutschland auf Platz 15. Im aktuellen Ranking 2024 liegt Japan nun auf Platz 17, Deutschland auf Platz 20.

Und Tokyo? Als größte Stadt der Welt mit über 37 Millionen Menschen erschien sie mir fast wie ein Widerspruch in sich: gewaltig, dicht besiedelt, und doch bemerkenswert sicher. Die Statistiken gaben mir recht, aber mein Kopfkino flüsterte: „Was, wenn…?“

Ich sah Videos von Erdbebensimulationen.
Ich versuchte, mich zu beruhigen, doch mein Kopfkino war schneller.

Was, wenn genau dann ein Beben kommt?
Was, wenn ich im 20. Stock bin?
Was, wenn ich die Orientierung verliere?

Ich malte mir Szenarien aus wie in einem Katastrophenfilm. Und je mehr ich wissen wollte, desto weniger wusste ich, wie ich mich fühlen sollte.

Wie ich gelernt habe, mit Angst zu atmen

Irgendwann begriff ich: Ich werde meine Angst nicht wegrecherchieren. Ich muss sie anschauen. Ihr zuhören. Und dann: atmen.

Meine Meditationspraxis wurde mein Rettungsanker:

  • Body Scan: Wenn ich spürte, wie der Boden mich trägt, war ich wieder da.
  • Atemgewahrsein: Der Atem als sanftes „Jetzt“. Immer da.
  • Offenes Gewahrsein: Die Angst durfte auftauchen. Aber ich übte, mich nicht von ihr mitreißen zu lassen.
  • Metta-Meditation: Freundlichkeit für mich selbst, auch wenn ich zitterte.

Ich habe gelernt, neben der Angst zu sitzen, ihr zuzuhören, ohne ihr zu glauben. Das war mein größter Schritt.

Chancen nutzen heißt nicht, keine Angst zu haben

Es wäre gelogen zu sagen, dass ich mutig war. Ich war nicht mutig. Ich war ehrlich.
Ich hatte Angst. Und ich bin trotzdem gegangen.

Mut heißt nicht: keine Angst. Mut heißt: gehen, obwohl es wackelt. Und genau das habe ich getan.

Was ich dir mitgeben will

Vielleicht hast du auch Pläne, die geplatzt sind.
Wünsche, die sich nicht erfüllt haben.
Oder ein Ziel, das anders kam als gedacht.

Ich lade dich ein, diese Fragen zu stellen:

  • Welche Türen haben sich geschlossen, und welche sind leise aufgegangen?
  • Was wäre möglich, wenn du nicht aufhörst, Angst zu haben, sondern lernst, mit ihr zu gehen?
  • Welche inneren Räume öffnet dein persönliches Kopfkino?

Wenn du willst:
Setz dich heute fünf Minuten hin.
Atme. Und frag dich nicht: „Was wäre, wenn…?“
Sondern: „Was ist jetzt da?“

Für noch kürzere, ungefilterte Momente gibt es mein Achtsamkeitstagebuch.

Mit achtsamen Grüßen
🌀
Pegbee

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