Nicht gut genug? Wie ich aufhörte, das zu glauben
Manchmal, wenn es beim Meditieren still wird, taucht ein Satz auf. Er kommt leise, fast beiläufig, und er sagt: Du bist nicht gut genug. Wie eine alte Bekannte, die sich für einen Moment wieder ans Fenster stellt und hereinschaut, sage ich ihn zu mir selbst.
Ich kenne diesen Satz lange. Er stammt aus einer Zeit, in der ich noch nicht wählen konnte, was ich über mich glaube. Woher genau er kommt, behalte ich für mich. Aber dass er zu mir gehört, bestreite ich längst nicht mehr.
Ist „nicht gut genug“ überhaupt ein Gefühl?
Lange hätte ich gesagt: ja, natürlich, es ist ein Gefühl. Wenn ich genauer hinschaue, stimmt das nur halb. Was ich zuerst bemerke, ist körperlich. Eine Enge im Solarplexus, als zöge sich dort etwas zusammen. Dazu ein Impuls, der älter ist als jeder Gedanke: Ich will mich verstecken. Niemand soll mich sehen.
Das ist die Spur, die ein Gefühl hinterlässt, und meistens ist es Scham. Aber „nicht gut genug“ selbst ist kein Gefühl. Es ist ein Urteil über mich, das die Scham auslöst. Erst kommt der Satz, dann die Enge, dann der Wunsch zu verschwinden.
Diese Unterscheidung habe ich in der Ausbildung in Cultivating Emotional Balance gelernt, einem Training, das Emotionswissenschaft und kontemplative Praxis verbindet. Eine Empfindung im Körper, eine Emotion, ein Gedanke, der beides in Gang setzt: Wenn ich diese drei auseinanderhalte, bin ich dem Satz nicht mehr ausgeliefert. Ich spüre die Enge und weiß zugleich, dass sie von einer alten Geschichte erzählt, nicht von der Wahrheit über mich.
Als „nicht gut genug“ sich wie eine Tatsache anfühlte
Eine Zeit lang war dieser Satz keine Stimme, sondern ein Fakt. So fühlte es sich an. Ein Studium war nichts, was zu Menschen wie mir gehörte, dachte ich, ohne es je so klar zu denken. Es lag einfach außerhalb dessen, was ich mir zutraute.
Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, ist meist eine stille Grenze, die du gar nicht mehr als Grenze wahrnimmst, weil du längst gelernt hast, davor stehen zu bleiben. Du hältst es für Realismus. Dabei ist es eine Geschichte.
Als ich mit 40 zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdachte, ob nach zwanzig Jahren im Brotberuf noch etwas anderes kommen könnte, meldete sich der Satz sofort. Zum „nicht gut genug“ erzählte ich mir: Zu spät. Zu alt. Nicht der Typ dafür. Ich habe mich gefragt, ob es nicht vermessen ist, in diesem Alter noch einmal von vorn zu beginnen.
Loslassen hieß: mich einfach bewerben
Ich habe mich einfach beworben. Das klingt einfach und viel kleiner, als es wirklich war. Denn in dem Moment, in dem ich die Unterlagen abschickte, habe ich zum ersten Mal so getan, als gälte der alte Satz nicht. Nicht überzeugt, nicht mutig. Aber ich habe es getan.
Möglich wurde das, weil meine Familie hinter mir stand. Mein Mann und mein Sohn, der heute 24 ist, haben mitgetragen, dass wir uns finanziell so aufstellen, dass ich in Teilzeit weiterarbeiten und nebenbei studieren konnte. Inzwischen sind daraus mehr als zehn Jahre geworden: erst der Bachelor in Sprachen und Kulturen des indischen Subkontinents und Tibets, seit 2021 der Master in Buddhismuskunde.
Während des Studiums habe ich zusätzlich die einjährige Ausbildung zum CEB Teacher gemacht, obwohl ich wusste, dass sie meine Studienzeit verlängern würde. Sie war es mir wert. Und heute, das hätte ich der Peggy von damals nie geglaubt, lehre ich selbst an der Universität, im interdisziplinären Bereich der Friedensbildung.
Wie dieser Alltag zwischen Beruf und Studium konkret aussieht, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben, in meinem Beitrag über das berufsbegleitende Teilzeitstudium mit 40. Hier geht es mir um etwas anderes. Nicht darum, wie ich studiere, sondern darum, wer das tut. Nämlich genau die Person, die jahrelang dachte, sie sei dafür nicht gemacht.
Was danach kam, war keine neue Version von mir
Ich würde gern schreiben, dass der Satz danach verschwunden ist. Das wäre eine schöne Geschichte, aber keine wahre. Er taucht noch auf. Beim Meditieren, vor einer Prüfung, manchmal vor den leeren Seiten, wenn ich schreiben will. Ganz aktuell beim Verfassen meiner Masterarbeit, beim Vorbereiten eines wissenschaftlichen Vortrags auf einem internationalen Kongress im kommenden August. Was sich verändert hat, ist nicht sein Erscheinen, sondern seine Autorität.
Früher war „nicht gut genug“ ein Urteil, das ich glaubte. Heute ist es ein Gedanke, den ich sehe. Diese kleine Verschiebung verdanke ich der Praxis: dem Üben, dem Denken beim Denken zuzusehen, statt mitgerissen zu werden. Ich nenne das Metareflexion. Du beobachtest nicht nur, was du denkst, sondern bist auf der Metaebene und bemerkst, dass du es denkst, und in diesem Spalt entsteht Freiheit.
Demut ist mir dabei wichtig geblieben. Ich halte mich nicht für eine Person, die über solchen Sätzen steht. Eher umgekehrt: Das Wissen um mein altes „Ich bin nicht gut genug“ hilft mir, milder hinzuschauen, auf mich und auf andere, bei denen ähnliche Sätze leise mitlaufen.
Wir schauen nach vorn, selten auf das Erreichte
Mir ist dabei etwas aufgefallen, das über meine eigene Geschichte hinausreicht. Wir richten den Blick fast immer nach vorn, auf die, die wir noch werden wollen, auf das nächste Ziel, die nächste Version von uns. Was schon hinter uns liegt, übersehen wir leicht.
Die Frau, die dachte, sie sei nicht gut genug für ein Studium, hat zwei Abschlüsse gemacht und steht heute selbst vor einem Kurs an der Uni. Hätte ich nur nach vorn geschaut, wäre mir das entgangen. Eine Geschichte über sich loszulassen heißt auch, sich einmal umzudrehen und zu sehen, was in der Zwischenzeit tatsächlich geschehen ist.
Alles darf sich wandeln – darin liegt die Freiheit
Eine Geschichte über dich loszulassen heißt selten, dass sie verschwindet. Öfter heißt es, dass du aufhörst, sie für die Wahrheit zu halten. Der Satz darf bleiben, er bestimmt nur nicht mehr, was ich tue. An der Stelle, an der er früher alles besetzt hat, entsteht Raum für Neues.
Wenn ich zurückschaue, sehe ich vor allem Bewegung. Alles wandelt sich, immerzu. Das klingt zuerst nach Verlust und ist doch das Gegenteil: Ich darf mich jederzeit verändern, kein Satz über mich gilt für immer. Diese Vergänglichkeit ist für mich kein schwerer Gedanke, sondern eine Form von Freiheit.
Beim Schreiben dieses Textes hat mein Herz geflattert, und ein paar Tränen sind geflossen. Nicht aus Wehmut, sondern aus Anerkennung. Für den Mut, den ich damals hatte. Für die Anstrengung, die mich diese Jahre gekostet haben. Dafür, dass ich bis hierhin durchgehalten habe. Und trotz meiner produktiven Prokrastination werde ich Anfang 2027 meinen Abschluss machen. Ich habe mir selbst eine Deadline gesetzt.
Dieser Text ist mein eigener Beitrag zu meiner Blogparade, die ich am 21. Juni 2026 gestartet habe. Ihr Thema: Welche Geschichte über dich selbst hast du losgelassen, und was kam danach? Dort findest du alle Informationen und wie du mitmachen kannst. Wenn beim Lesen ein eigener Satz in dir aufgetaucht ist, einer, den du lange für wahr gehalten hast, dann schreib ihn auf. Vielleicht merkst du beim Schreiben erst, dass du ihn längst hinter dir gelassen hast.
Reflexionsfragen
- Welcher Satz über dich selbst fühlt sich an wie eine Tatsache, ist aber vielleicht nur eine alte Geschichte?
- Wem hat dieser Satz gehört, bevor er deiner wurde?
- Woran würdest du merken, dass er seine Autorität verliert?
Häufige Fragen
Woher kommt das Gefühl, nicht gut genug zu sein?
Oft stammt es aus früh gelernten Sätzen, die wir übernommen haben, bevor wir sie prüfen konnten. Sie verfestigen sich zu einem Selbstbild und fühlen sich später wie Realität an. Der erste Schritt ist, den Satz als Satz zu erkennen, nicht als Wahrheit.
Was hilft gegen den Gedanken, nicht gut genug zu sein?
Mir hilft weniger das Wegmachen als das genauere Sehen. Wenn ich bemerke, dass ich gerade einen alten Gedanken denke, verliert er an Macht. Diese Form der Aufmerksamkeit lässt sich in der Meditation üben.
Kann man mit 40 noch studieren?
Ja. Ich habe mit 40 begonnen, in Teilzeit, neben dem Beruf, und studiere bis heute. Das Alter war für mich am Ende kein Hindernis, sondern Teil dessen, was das Lernen wertvoll gemacht hat.
Du bist auf dem spirituellen Blog von BuddhasPfad. Hier geht es um Meditation als Praxis der Aufmerksamkeit und darum, was sich verändert, wenn du damit ernst machst.
Du bist neu? Starte hier!
Wenn dich interessiert, was beim Meditieren wirklich passiert: Mein Buch Nicht jetzt! ist jetzt erhältlich. *Bei Amazon ansehen.
Du möchtest die Praxis selbst erkunden? Im September kannst du mich an einem Meditationswochenende in der Akademie am See in Plön kennenlernen. Es gibt noch Restplätze.
Manchmal reicht ein neuer Blickwinkel, damit sich etwas verschiebt. Wenn dieser Impuls etwas in dir angestoßen hat, kannst du mir hier eine Tasse Tee dalassen.

Liebe Peggy,
dein Beitrag hat mich sehr bewegt und auch bei mir viele Emotionen hochgespült. Denn dieses Gefühl begleitet mich schon sehr lange. Ich bewundere wie du diesem begegnet bist und für dich loslassen konntest. Die Reflexionsfragen haben mir schon viel Klarheit gebracht. Die Gedanken werden mich noch eine Weile begleiten und hoffentlich zum Loslassen führen.
Herzlichen Dank dafür
Nicole
Liebe Nicole,
es freut mich, dass meine Worte dich erreicht haben. Mögen sie dir nützlich sein.
Von Herzen,
Peggy