Fokussiert arbeiten trotz vieler Rollen: Mein Weg zu mehr Klarheit
Drei Tage Teilzeit bei der DAK. Zwei Tage an der Uni: fünf Seminare, Vorbereitung, Nachbereitung, Bibliothek. Dazwischen Blogartikel schreiben, Podcastfolgen aufnehmen, Website pflegen, ein bis zwei Beratungstermine. So sieht meine Arbeitswoche aus.
In meiner Freizeit schreibe ich weiter an meinen Büchern, gehe spazieren, verbringe Zeit mit meinen Liebsten, gehe ins Fitnessstudio. Manchmal häkele ich. Nicht, um produktiv zu sein, sondern um meinen Kopf zu entlasten.
Und irgendwo zwischen all dem wartet sie: meine Masterarbeit. Seit zwei Jahren schiebe ich sie vor mir her. Erst, weil ich selbst an der Uni unterrichtet habe. Dann, weil Japanisch mein Tibetisch verdrängt hat – und ich jetzt wieder von vorn anfangen muss, mich hineinzudenken, hineinzuhören, hineinzulesen.
Japanisch, Tibetisch, hä? Ich studiere Buddhismuskunde an der Uni Hamburg. Mehr darüber erfährst du hier: Berufsbegleitendes Teilzeitstudium mit 40+, oder hier: Einblicke in meinen Tokyo-Alltag.
Ich habe kein Zeitproblem. Ich habe ein Fokusproblem. Nicht im Sinne von Ablenkung. Sondern im Sinne von Zersplitterung. Genau deshalb lautet mein Jahresmotto 2026: fokussiertes Arbeiten. Nicht, um mehr zu schaffen. Sondern um dem, was Tiefe braucht, wieder Raum zu geben.
Warum fokussiertes Arbeiten heute nichts mit Disziplin zu tun hat
Wenn meine Woche eines zeigt, dann das: Ich arbeite nicht zu wenig. Ich arbeite zu unterschiedlich. An manchen Tagen bin ich in der Struktur einer Organisation eingebunden. An anderen Tagen denke ich mich durch wissenschaftliche Texte, Sprachen und Theorien. Dazwischen wechsle ich in kreative Prozesse: Schreiben, Sprechen, Gestalten, Begleiten.
Jede dieser Rollen verlangt eine andere innere Haltung. Einen anderen Rhythmus. Einen anderen Zugang zum Denken. Das eigentliche Problem ist nicht die Menge der Aufgaben. Es ist der permanente Kontextwechsel.
Fokussiertes Arbeiten wird oft mit Disziplin verwechselt. Mit Durchhalten, Zusammenreißen, „einfach machen“. Doch genau das greift zu kurz, wenn Denken Tiefe braucht.
Mein Kopf ist nicht unkonzentriert. Er ist häufig nicht richtig angekommen, bevor er schon wieder weiterziehen muss. Ich pendle zwischen Systemlogik, akademischer Tiefe und kreativer Offenheit, verliere Fokus nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil Übergänge Energie kosten – jedes Mal.
Meine Erfahrung: Fokus im Alltag entsteht deshalb nicht durch mehr Willenskraft, sondern durch bewusst gestaltete Übergänge. Durch Zeiträume, in denen ein Denken zu Ende gedacht werden darf.
In meinem Fall bedeutet fokussiertes Arbeiten, nicht alles unter einen Hut zu bekommen. Sondern anzuerkennen, dass nicht alles gleichzeitig denselben Raum haben kann. Disziplin hilft dabei nur begrenzt. Klarheit hingegen verändert alles. Und genau dort beginnt meine Suche nach einem anderen Umgang mit Arbeit.
Fokussiertes Arbeiten heißt: bewusst begrenzen
Fokus entsteht nicht dadurch, dass ich alles im Blick behalte. Sondern dadurch, dass ich mich gegen einiges entscheide. Lange habe ich versucht, meine Rollen miteinander zu versöhnen. Alles parallel zu denken. Alles offen zu halten. Doch genau das hat meinen Fokus untergraben.
Bewusst zu begrenzen heißt für mich nicht, weniger zu wollen. Es heißt, klarer zu wählen, was wann Raum bekommt. Nicht jede Rolle an jedem Tag. Nicht jedes Thema in jeder Woche. Nicht jede Idee sofort. Diese Begrenzung fühlt sich zunächst wie ein Verlust an. Als würde ich Möglichkeiten verschenken. In Wahrheit entsteht genau hier etwas anderes: Ruhe im Denken.
Fokussiert zu arbeiten bedeutet für mich, dass mein Kopf nicht ständig neu entscheiden muss, wohin er gehört. Wenn klar ist, was jetzt dran ist, kann ich mich einlassen. Wenn klar ist, was gerade nicht dran ist, muss ich es innerlich nicht weitertragen.
Begrenzung schafft Verlässlichkeit. Nicht nur im Kalender, sondern im Geist. Sie nimmt Druck heraus. Sie reduziert Reibung. Und sie macht es möglich, bei einer Sache zu bleiben, ohne innerlich schon beim Nächsten zu sein.
Mir ist bewusst, dass es unterschiedliche Meinungen zur Begrenzung gibt. Tatsächlich bin auch ich eine, für die Freiheit einen besonderen Wert hat. Aber: ich sehe mich als Scanner. Was das ist? Darüber erfährst du mehr in diesem Artikel.
Deshalb hat diese Form von Fokus für mich nichts mit Enge zu tun. Im Gegenteil. Sie schafft einen Raum, in dem Denken wieder Tiefe entwickeln kann. Und genau diesen Raum brauche ich, um dem Wesentlichen gerecht zu werden.
Batching & feste Zeiten – ein Schutzraum für mein Denken
Fokussiertes Arbeiten braucht auch nicht nur gute Absichten. Es braucht Rahmen, die mein Denken schützen. Deshalb habe ich es irgendwann mit Batching versucht. Eine Wohltat. Es ist meine Antwort auf innere Zersplitterung.
Wenn ich ähnliche Aufgaben bündele, muss mein Kopf nicht ständig neu ansetzen.
Alles bleibt in einem Denkraum – und kann dort tiefer werden, ohne dass ich immer wieder von vorn beginne.
Ich habe gelernt: Nicht die Aufgabe an sich erschöpft mich. Sondern das ständige Umschalten. Deshalb bekommen nun verschiedene Tätigkeiten bei mir noch mehr eigene Zeitfenster. Universitäre Arbeit an bestimmten Tagen. Kreative Arbeit gebündelt. Organisation nicht zwischen Denken geschoben, sondern bewusst ausgelagert. Feste Zeiten wirken dabei nicht einengend, sondern entlastend. Sie nehmen Entscheidungen ab. Sie reduzieren innere Reibung. Und sie signalisieren meinem Geist: Du darfst jetzt hier bleiben.
Für mich ist diese Struktur kein starres System. Sie ist ein Angebot an mein Denken. Ein Schutzraum, in dem Tiefe entstehen darf. Und gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass danach wieder etwas anderes möglich wird: Offenheit. Leere. Nichtstun.
Raum für Nichtstun – warum Fokus Leere braucht
Fokus entsteht nicht nur in klar gesetzten Zeiten. Er entsteht auch dazwischen. Dort, wo nichts geplant ist. Wo kein Ziel wartet. Wo der Kopf nicht sofort liefern muss.
Lange habe ich Nichtstun als Lücke empfunden. Als etwas, das man sich erst verdienen muss. Heute weiß ich: Ohne diese Lücken verliert mein Denken seine Beweglichkeit.
Kreativität braucht Weite. Nicht als Dauerzustand, sondern als Gegenpol zur Struktur. Wenn ich spazieren gehe, häkele oder einfach nur da bin, ohne etwas festzuhalten oder weiterzubringen, ordnet sich etwas im Hintergrund. Gedanken dürfen wandern. Verbindungen entstehen leise. Ideen tauchen nicht auf, weil ich sie suche, sondern weil ich ihnen Raum lasse. Dieser Raum ist die Voraussetzung dafür, dass ich mich später wieder fokussieren kann.
Ohne Nichtstun wird Fokus hart. Eng. Er kippt in Kontrolle. Mit Nichtstun bleibt Fokus lebendig. Durchlässig. Er trägt, ohne zu verspannen. Gerade weil mein Alltag klar strukturiert ist, braucht er bewusst gesetzte Offenheit. Nicht als Flucht, sondern als Ausgleich. Fokussiert arbeiten heißt für mich deshalb auch: Zeiten schützen, in denen nichts von mir verlangt wird. Damit das, was Tiefe braucht, nicht austrocknet.
Die Masterarbeit als Nordstern
Meine Masterarbeit begleitet mich seit zwei Jahren. Nicht als Projekt, das scheitert. Sondern als etwas, das wartet. Lange habe ich geglaubt, ich müsste nur den richtigen Moment finden. Mehr Zeit. Weniger Verpflichtungen. Einen freien Kopf. Doch dieser Moment kam nicht. Was fehlte, war nicht Zeit. Es war Ausrichtung.
Die Masterarbeit verlangt etwas, das sich nicht fragmentieren lässt. Sie braucht einen inneren Faden, der über Tage hinweg gehalten wird. Ein Denken, das nicht bei jedem Rollenwechsel neu ansetzen muss.
Hinzu kommt die Sprache. Tibetisch war lange präsent, ist dann vom Japanischen verdrängt worden. Also die tibetische Umgangssprache. Wegen Corona konnte ich mein Auslandssemester nicht in der Tibetischen Autonomen Region verbringen. Stattdessen bin ich in Tokyo gelandet. Und mal ehrlich: Fünf Monate Japan ohne Japanisch? Konnte ich mir nicht vorstellen.
Jetzt muss ich mir mein Tibetisch wieder zurückholen. Weil mein Studienfach nun mal der Tibetische Buddhismus ist. Nicht als Vokabelliste, sondern als Denkraum. Das geht nicht nebenbei. Nicht zwischen zwei Terminen. Nicht im Rest des Tages.
Gerade deshalb ist die Masterarbeit für mich ein Nordstern geworden. Sie zeigt mir,
wo mein Alltag zu zerfasert ist. Wo Fokus nur behauptet, aber nicht gelebt wird. Sie zwingt mich nicht zu mehr Disziplin. Sie zwingt mich zu Klarheit. Was bekommt wirklich Raum? Was darf warten? Und was muss ich loslassen, damit Tiefe wieder möglich wird?
Fokussiertes Arbeiten heißt für mich 2026 nicht, die Masterarbeit möglichst schnell abzuschließen. Sondern ihr die Bedingungen zu geben, unter denen sie überhaupt entstehen kann.
Was ich 2026 bewusst nicht mehr mache
2026 werde ich nicht mehr versuchen, alles gleichzeitig ernst zu nehmen. Ich werde nicht mehr glauben, dass jede Anfrage sofort eine Antwort braucht. Oder dass jede Idee sofort umgesetzt werden muss. Ich werde meine Aufmerksamkeit nicht mehr zwischen zu vielen Themen aufteilen, nur um nichts zu verpassen. Ich werde weniger wechseln. Weniger parallel denken. Weniger innerlich offenhalten, was gerade keinen Raum hat. Nicht aus Rückzug, sondern aus Klarheit. Ich werde mir nicht mehr vormachen, dass Tiefe im Rest des Tages entsteht. Oder dass anspruchsvolles Denken zwischen zwei Terminen wachsen kann. Stattdessen wähle ich Begrenzung. Struktur. Und bewusst gesetzte Leere.
Fokussiertes Arbeiten heißt für mich 2026: dem Wesentlichen treu bleiben – auch dann, wenn es langsamer wird.
Dieses Thema begleitet mich durch das Jahr. In den nächsten Wochen und Monaten werde ich weiter darüber schreiben, nachdenken und forschen. Wenn du diese Gedanken vertiefen möchtest, begleite mich gern über den Newsletter.

Liebe Peggy,
deine Gedanken zum fokussierten Arbeiten sprechen mich sehr an.
Ich denke an meine eigene Masterarbeit, die ich lang vor mir hergeschoben hab, bis ich irgendwann reinkam in diesen speziellen Denk- und Schreibprozess…
an meine Zeit als Projektleiterin, wo ich Theaterfestivals organisiert habe und es unendlich schwer fand, gleichzeitig in meine Selbstständigkeit als Trainerin und meine eigene künstlerische Arbeit reinzukommen (ich habe damals immer von 2 Gehirnen gesprochen, dem Orgagehirn und dem kreativen Gehirn, zwischen denen ich nicht so schnell hin und herwechseln konnte)…
an mein letztes Hörbuch, wo eine Figur, eine schreibende Frau in den 30-ern, sich ihre physischen und mentalen Räume erkämpft hat, um schreiben zu können…
und an den Begriff des Ruhenetzwerks, den ich sehr mag 🙂 Er beschreibt das, was das Gehirn macht, wenn gerade nichts konkretes zu tun ist. Wenn Raum entsteht.
Ich wünsche dir ein fokussiertes, freudiges und ausgeglichenes neues Jahr. Und ich freue mich auf unser Treffen per Video!
Liebe Grüße
Paula