Buddhistische Impulse auf wissenschaftlichem Boden – Meine Eindrücke von der IABS Konferenz Leipzig
Zwischen Verpflichtung und innerem Ruf
Eine Woche Leipzig. Eine Woche Eintauchen in alte Texte, neue Gedanken und tiefe Gespräche: Ich war auf der IABS Konferenz – als Zuhörende, nicht als Vortragende. Als jemand, der sich erinnern wollte, worum es eigentlich geht.
Seit gut einem Jahr hatte ich meine Masterarbeit beiseitegelegt. Alle Seminare waren besucht, alle Pflichten erfüllt – zumindest auf dem Papier. Doch das Leben war schneller als mein Plan. Nach meinem Auslandssemester in Tokyo kam ich mit neuer Energie zurück, bereit, zu schreiben und zu forschen. Stattdessen übernahm ich kurzfristig den Einführungslehrgang für Indologie und Tibetologie an der Universität Hamburg. Ich unterrichtete, begleitete, organisierte – zusätzlich zu meiner Lehrtätigkeit im Bereich Cultivating Emotional Balance (CEB) und meinem Brotjob bei der DAK.
Die Masterarbeit? Wartete. Still. Geduldig. Wie ein innerer Ort, den man lange nicht betreten hat.
Und dann kam die Einladung zur IABS Konferenz – zur rechten Zeit. Ich meldete mich an, ohne Agenda, ohne Druck. Als Gästin. Als jemand, der wieder ankommen will – in der eigenen Forschung, in der eigenen Stimme, im eigenen Warum.
Die IABS Konferenz – ein Ort der Begegnung
Die International Association of Buddhist Studies – kurz IABS – ist mehr als ein akademisches Forum. Sie ist ein lebendiger Treffpunkt für Menschen, die sich beruflich, spirituell oder persönlich mit dem Buddhismus auseinandersetzen. Alle drei bis vier Jahre bringt sie Wissenschaftler:innen, Studierende und Interessierte aus aller Welt zusammen – diesmal in Leipzig. In der Vergangenheit fanden die Tagungen unter anderem in Seoul, Wien und Toronto statt. Für 2028 ist British Columbia als Austragungsort geplant.
Trotz der Vielfalt an Kulturen, Sprachen und Forschungsrichtungen war die Stimmung erstaunlich vertraut. International, ja – aber nicht distanziert. Eher wie eine große Familie, die sich nach langer Zeit wiedertrifft: verbunden durch ein gemeinsames Feld, das uns alle trägt, auch wenn jede:r darin eine andere Facette des Buddhismus beleuchtet.
Manche präsentierten philologische Arbeiten zu alten Texten, andere sprachen über Achtsamkeit im Bildungssystem oder moderne Meditationstechniken. Und zwischen den Vorträgen: Gespräche auf dem Gang, leises Lächeln, ein gegenseitiges Verstehen, das nicht immer Worte brauchte.
Ich war mittendrin – als Teil dieser Gemeinschaft. Nicht als jemand, der etwas beweisen muss, sondern als jemand, der wieder spüren wollte, wo Forschung zur inneren Praxis wird – und umgekehrt.
Buddhistische Impulse im wissenschaftlichen Rahmen
Die Woche war intensiv: Über 450 Präsentationen fanden von Montag bis Freitag statt – in mehreren parallelen Panels, aufgeteilt nach Themen, Sprachen und Forschungsrichtungen. Sich zu entscheiden, war oft eine Herausforderung. Viele spannende Vorträge liefen gleichzeitig, und so wurde jeder Tag auch zu einer Art innerer Praxis: zuhören, auswählen, loslassen.
Ich kam ohne festen Plan – und doch war sofort klar, wohin es mich zog: In die Vorträge zum Tibetischen Buddhismus, meinem vertrautesten Feld. Dort, wo Textkritik, Ritualpraxis und gelebte Philosophie ineinandergreifen. Es war inspirierend zu sehen, wie tief und zugleich respektvoll hier gearbeitet wurde – mit Präzision, aber auch mit Herz.
Gleichzeitig öffnete ich mich Themen, die mir bislang eher am Rande begegnet waren – etwa dem frühen Buddhismus in Indien. Die Ursprünge, die Lehre, die ersten Übertragungen. Es war, als würde ich durch diese Präsentationen einen größeren Zusammenhang spüren – ein Netz aus Bedeutung, das über Zeit, Regionen und Traditionen hinweg reicht.
Ein weiterer Fokus lag für mich auf den Entwicklungen in den Digital Humanities (DH). Als jemand, der an einer stark philologisch ausgerichteten Universität studiert, war es spannend – und ehrlich gesagt auch etwas herausfordernd – zu sehen, wie stark sich die Forschung digitalisiert. Die Diskussion um den Einsatz von KI in der Textanalyse, besonders in Bezug auf altindische und tibetische Texte, wurde intensiv geführt. Noch sind die Werkzeuge für diese Sprachen begrenzt. Aber es ist absehbar, dass sich die Arbeit an Primärtexten und Handschriften in den nächsten Jahren stark verändern wird.
Zwischen all dem gab es aber auch Raum für zeitbezogene Fragen – etwa die Rolle des Buddhismus in einer Welt, die von Krisen, Beschleunigung und Umweltzerstörung geprägt ist. Besonders berührt haben mich Beiträge zur achtsamen Lebensführung und dazu, wie buddhistisches Denken Impulse für ein nachhaltiges Miteinander geben kann. Keine dogmatischen Rezepte – sondern ruhige Stimmen, die fragen: Wie können wir heute leben, ohne uns selbst und die Welt zu erschöpfen?
Was bleibt – und wohin es mich führt
Was ich aus dieser Woche mitnehme, lässt sich nicht in einem Konferenzprogramm abbilden.
Ich habe Gespräche geführt, die nachwirken – mit Menschen, deren Namen ich bisher nur aus Fußnoten kannte. Nun saßen wir gemeinsam beim Mittagessen oder in einem Panel, verbunden durch eine gemeinsame Sprache des Denkens. Das vertraute you in der englischen Anrede, kombiniert mit dem Vornamen, schuf eine Nähe, die überraschend schnell Vertrauen entstehen ließ. Es fühlte sich fast familiär an – ohne Hierarchie, aber mit viel Respekt.
Und doch war es keine Blase, in der alle sich einig waren. Im Gegenteil: Es wurde auch gestritten – respektvoll, klar, immer auf Augenhöhe. Nicht alles war harmonisch, und nicht alles wurde aufgelöst. Aber genau das machte die Erfahrung wertvoll. Denn echte Auseinandersetzung braucht Reibung – und den Mut, sich zu zeigen.
Was mir ebenfalls bewusst wurde: Wenn ich künftig irgendwann selbst präsentiere, könnte es gut sein, dass jemand aus dem Publikum exakt den Text geschrieben hat, den ich zitiere. Eine neue Form von Verantwortung – und zugleich eine Einladung, wirklich in den Dialog zu treten.
Noch vor wenigen Wochen hätte ich kaum über eine wissenschaftliche Laufbahn nachgedacht. Jetzt spüre ich: Da ist etwas, das zieht. Zwei Themen habe ich mitgenommen, die mich nicht loslassen. Vielleicht ist es Zeit, diesen Weg weiterzugehen. Vielleicht sogar in Richtung einer Promotion.
Sicher ist: Ich freue mich auf das kommende Semester. Auf die Rückkehr zu den Texten, die mich schon so lange begleiten. Vielleicht auf ein oder zwei Lektürekurse mit meinem Professor – ganz klassisch, ganz analog: tibetische Texte lesen, Zeile für Zeile.
Weniger als Arbeit. Mehr als Rückverbindung.
Zurück im Alltag – aber mit neuen Fragen, Kontakten und Ideen. Die IABS war nicht das Ziel. Sie war ein Tor.
➤ Ich bin gespannt, wohin dieser Weg weiterführt.

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