Achtsamkeit in der Kritik
„Meditation ist nichts für mich“, sagte sie, fast entschuldigend. „Ich komme einfach nicht zur Ruhe.“
Dieser Satz fällt oft, und er verrät, wie viele Menschen Achtsamkeit heute verstehen: als Technik, die Ruhe herstellen soll. Bleibt die Ruhe aus, klingt es schnell wie ein persönliches Versagen.
Dabei beginnt Achtsamkeit gar nicht bei der Ruhe. Sie beginnt bei der Bereitschaft, wahrzunehmen, was gerade da ist, auch die Unruhe.
Und doch steht genau diese Achtsamkeit zunehmend in der Kritik: als Trend, als Technik, als Produkt.
Achtsamkeit in der Kritik: viel Lärm um wenig Tiefe?
Achtsamkeit ist überall: in Podcasts, auf Plakaten, als Morgenroutine auf TikTok, in teuren Retreats und günstigen Apps. Kaum ein Begriff wirkt so verheißungsvoll und ist zugleich so entkernt. Was einmal ein stiller Weg der Selbsterkenntnis war, ist vielerorts zur Selbstoptimierungsstrategie geworden: weniger Stress, mehr Fokus, bessere Leistung.
Der Hype verkauft innere Ruhe wie ein Produkt. Ein paar Minuten täglich, gern mit sanfter Musik und kontrollierter Atmung, und das Leben soll sich sortieren. Über äußere Umstände aber lässt sich Achtsamkeit kaum herstellen. Sie beginnt dort, wo du bereit bist, wirklich hinzusehen.
Das ist unbequem. Und genau darin liegt ihre Kraft. Die eigentliche Frage ist dann weniger, wie du mehr Achtsamkeit in den Alltag bekommst. Sie ist: Wann hörst du auf, sie zu benutzen, und beginnst, sie zu leben?
McMindfulness: Wenn Achtsamkeit dem System dient
Dass Achtsamkeit zur Selbstoptimierung schrumpft, habe nicht nur ich beobachtet. Der Managementforscher und Zen-Lehrer Ronald Purser hat dafür einen Begriff geprägt: McMindfulness. In „Wie Achtsamkeit die neue Spiritualität des Kapitalismus wurde“ (Mabuse-Verlag 2021, im Original „McMindfulness“) beschreibt er, wie aus einer befreienden Praxis eine Wohlfühltechnik geworden ist, die vor allem eines leistet: dich funktionsfähig halten.
Seine Kritik gilt der Vereinnahmung, weniger der Übung selbst. Konzerne bieten Achtsamkeitskurse an, damit Beschäftigte Stress besser aushalten, statt die Ursachen des Stresses zu ändern. Apps verkaufen Ruhe auf Knopfdruck. Die stille Botschaft lautet dann: Wenn du überlastet bist, atme tiefer, dann liegt es an dir und nicht an den Verhältnissen. So wird aus einem Weg der Einsicht ein Werkzeug der Anpassung.
Purser nennt das eine entkernte Spiritualität. Die ethische und gesellschaftliche Dimension, die im Buddhismus dazugehört, fällt weg, und übrig bleibt eine private Beruhigungsübung. Damit trifft seine Analyse genau den Punkt, den du oben schon gespürt hast: Der Hype verkauft Achtsamkeit als Produkt und verliert ihre Tiefe.
Ich teile diese Kritik und lese sie trotzdem nicht als Grund zur Resignation. Dass Achtsamkeit sich vereinnahmen lässt, entwertet die Praxis nicht. Es schärft den Blick dafür, worauf es ankommt: sie in ihren Zusammenhang zurückzustellen, in Ethik, Haltung und Verbundenheit. Wer Pursers Thesen auf Deutsch nachlesen möchte, findet eine Auseinandersetzung in der Rezension auf Buddhismus Aktuell.
Wahre Achtsamkeit ist unbequem – und heilsam
Wahre Achtsamkeit ist kein weiches Kissen zum Ausruhen. Sie ist eher ein Spiegel, mal klar, mal gnadenlos. Wer sich einlässt, begegnet neben der Stille auch Unruhe, Zweifel und Schmerz.
Achtsamkeit heißt, wahrzunehmen, was ist. Das fühlt sich nicht immer gut an. Und doch liegt genau darin ihre befreiende Kraft: Wenn du aufhörst, unangenehme Gefühle wegzuschieben, entsteht ein Raum, in dem sie da sein dürfen. In diesem Raum wächst Selbstmitgefühl, und es zeigt sich, dass wenig zu reparieren ist. Vieles will eher gehalten werden.
Wer das erlebt, spürt den Unterschied zwischen einem achtsamen Moment und einem achtsamen Leben.
Zwischen Ethik und Spiritualität – woher kommt Achtsamkeit wirklich?
Achtsamkeit ist kein exklusives Erbe des Buddhismus, und doch verdankt sie ihm ihre prägnanteste Form. Sati, die Praxis des bewussten Gewahrseins, stand im frühen Buddhismus in einem größeren Zusammenhang: einem ethischen Weg, einer inneren Haltung, einer spirituellen Vision.
Dieser Zusammenhang ist oft verloren gegangen. Was heute als „Mindfulness“ vermarktet wird, war ursprünglich Teil eines Dreiklangs: Sīla, das ethische Verhalten, Samādhi, die meditative Sammlung, und Paññā, die Weisheit und Einsicht. Achtsamkeit ohne diesen ethischen Rahmen bleibt ein Prozess ohne Richtung.
Und noch etwas ist bemerkenswert: Schon vor dem Buddhismus gab es Wege der Innenschau, etwa in den Upanishaden, den frühen vedischen Texten Indiens. Der Buddha hat die Achtsamkeit also weniger erfunden als vielmehr transformiert und sie mit Verantwortung verknüpft, für dich selbst, für andere, für das Leben als Ganzes.
CEB: Achtsamkeit mit ethischer Rückbindung
Genau hier setzt CEB an, Cultivating Emotional Balance, das Programm, das ich unterrichte. Es verbindet buddhistische Achtsamkeit mit moderner Emotionsforschung, wie sie Paul Ekman, Alan Wallace und Richard Davidson geprägt haben, und fragt nach dem Umgang, nicht nur nach der Wahrnehmung. Wie begegnest du deinem Ärger, ohne ihn zu unterdrücken oder auszuleben? Wie bleibst du in Beziehung, auch wenn es unbequem wird?
In dieser Ausrichtung wird Achtsamkeit wieder eine Übung in Wahrnehmung und Verantwortung. Sie wirkt von innen nach außen, still und ohne Programm: Wer den eigenen Reaktionen genauer zuhört, handelt anders, hört anderen anders zu, entscheidet bewusster.
Fazit: Wahre Achtsamkeit ist eine Entscheidung
Achtsamkeit schleift dich nicht glatt. Sie macht dich eher echter: weniger perfekt, dafür präsenter. Sie taugt kaum für Hochglanz, dafür für den Alltag mit seinen Rissen.
In einer Welt, die ständig sagt, wie du zu sein hast, ist das eine Entscheidung. Für Tiefe statt Tempo. Für Haltung statt Technik.
Und die Frau, die nicht zur Ruhe kommt? Vielleicht war ihr Satz nie ein Eingeständnis des Scheiterns, sondern der ehrlichste Anfang.
Häufige Fragen
Was ist die Kritik an der Achtsamkeit?
Die Kritik an der Achtsamkeit richtet sich weniger gegen die Praxis selbst als gegen ihre Vereinnahmung. Stimmen wie die von Ronald Purser bemängeln, dass Achtsamkeit zur Selbstoptimierungstechnik verkürzt wird und ihre ethische Dimension verliert. Aus einem Weg der Einsicht wird so ein Mittel, im bestehenden System besser zu funktionieren.
Was ist mit „McMindfulness“ gemeint?
McMindfulness bezeichnet eine Achtsamkeit, die auf eine reine Entspannungs- und Leistungstechnik verkürzt ist. Der Begriff stammt von Ronald Purser. Die ethische und gesellschaftliche Dimension der ursprünglichen Praxis fällt dabei weg, und es bleibt ein Werkzeug, das hilft, im bestehenden System besser zu funktionieren.
Ist Achtsamkeit also nur Selbstoptimierung?
Selbstoptimierung ist eine mögliche Verkürzung, nicht der Kern. Achtsamkeit im ursprünglichen Sinn zielt auf Einsicht und eine Haltung der Annahme, eingebettet in Ethik und Verbundenheit. Genau diese Tiefe geht im Hype oft verloren.
Wie erkenne ich wahre Achtsamkeit?
Wahre Achtsamkeit verspricht dir keinen schnellen guten Zustand, sondern lädt dich ein, wahrzunehmen, was gerade da ist, auch das Unbequeme. Sie verbindet inneres Gewahrsein mit der Frage, wie du handelst und in Beziehung bist.
Quellen und zum Weiterlesen: Ronald E. Purser, *Wie Achtsamkeit die neue Spiritualität des Kapitalismus wurde (Mabuse-Verlag 2021); Rezension auf Buddhismus Aktuell; Interview zum Achtsamkeitstraining, Zeit Online.
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