Zur Ruhe kommen: Warum Netflix keine Me-Time ist

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Es ist schon spät, und auf dem Bildschirm läuft schon die Frage, ob ich weiterschauen möchte. Noch fünf Sekunden, dann startet die nächste Folge von allein. Ich schaue gern koreanische Serien, manchmal japanische oder chinesische, und ich kenne den Moment genau, in dem aus einem Abend ein Sog wird. Eigentlich wollte ich zur Ruhe kommen. Stattdessen sitze ich um halb eins wacher da als vorher.

Ich mag das Berieseln, gerade weil es so einfach ist. Und genau darum kenne ich auch die Kehrseite ziemlich gut.

Warum du abends nicht zur Ruhe kommst

Streaming-Plattformen sind darauf ausgelegt, dich zu halten. Das ist ihr Geschäft. Du siehst Rankings, was gerade angesagt ist und am meisten geschaut wird. Du bekommst ähnliche Titel vorgeschlagen, sobald du etwas gut bewertet hast. Die nächste Folge läuft an, bevor du dich entschieden hast. Dieser sanfte, ständige Anschub ist der Kaninchenbau, im Englischen das rabbit hole: ein Eingang, der harmlos aussieht, und ein Gang, der tiefer führt, als du wolltest.

Das Tückische ist, dass sich der Anfang nach Erholung anfühlt. Du sitzt, du musst nichts leisten, der Tag ist vorbei. Erst nach und nach kippt es. Was als Pause gedacht war, hält dein System in einer leisen Daueraktivierung. Du kommst nicht zur Ruhe, du wirst nur stillgehalten.

Was Berieselung mit dem Kopf macht

Wenn ich zwei oder drei Folgen hintereinander schaue, bemerke ich danach ein wattiges, belegtes Gefühl, als läge ein dünner Film über den Gedanken. Wach bin ich nicht, ausgeruht auch nicht. Eher benommen.

Dahinter steht ein Mechanismus, den die Plattformen geschickt nutzen. Dopamin, der bekannte Botenstoff, steuert weniger das Genießen als das Wollen, das Suchen nach dem Nächsten. Jede neue Folge, jeder Cliffhanger, jeder passende Vorschlag hält dieses Suchsystem in Bewegung. Anna Lembke beschreibt in *„Dopamin Nation“, wie ständige kleine Belohnungen das innere Gleichgewicht verschieben: Je öfter du den leichten Reiz fütterst, desto fader fühlt sich die Stille danach an. Der ruhige Moment wirkt dann beinahe unangenehm, und der Griff zur nächsten Ablenkung liegt nahe. Wie du diesen Kreislauf bewusst unterbrichst, beschreibe ich ausführlicher im Text zum Dopaminfasten bei digitalem Overload.

Warum du einschläfst, aber nicht ausruhst

Am deutlichsten merke ich es an der Nacht. Nach einem langen Serienabend schlafe ich oft gut ein, schlafe insgesamt aber unruhiger und wache morgens auf mit dem Gefühl, zwar geschlafen, aber nicht wirklich geruht zu haben. Erfrischt fühle ich mich nicht. Dafür brauche ich keine Smartwatch, die es mir bestätigt.

Das hat eine Grundlage. Matthew Walker beschreibt in *„Das große Buch vom Schlaf“, wie spätes Licht und Anregung kurz vor dem Schlafen die Schlafarchitektur stören. Du fällst vielleicht schnell in den Schlaf, der erholsame Anteil der Nacht wird jedoch kürzer und brüchiger. Einschlafen und ausruhen sind eben zwei verschiedene Dinge. Das eine sagt wenig über das andere.

Die verschiedenen Gesichter der inneren Unruhe

Innere Unruhe ist nicht immer dieselbe. Manchmal ist sie stressgetrieben, körpernah, nervös, das Gefühl, ständig in Bewegung bleiben zu müssen. Manchmal ist sie diffus und leise, eher ein innerer Abstand zu dir selbst, eine Orientierungslosigkeit, für die es keinen klaren Anlass gibt.

Der Serienabend bedient beide. Bei der nervösen Variante gibt er dem aufgedrehten System scheinbar etwas zu tun. Bei der leisen füllt er die Lücke, in der dir sonst auffallen würde, wie weit du von dir entfernt bist. In beiden Fällen überdeckt er das Gefühl, statt es aufzulösen. Genau deshalb bleibt nach dem Ausschalten so oft eine Restunruhe zurück. Wenn dein Kopf abends nicht aufhört zu kreisen, lohnt der Blick darauf, wie du den Monkey Mind beruhigen kannst.

Was dich wirklich zur Ruhe kommen lässt

Ich will Netflix gar nicht zum Feind erklären. Manchmal möchte ich mich berieseln lassen, weil es leicht ist, und das darf seinen Platz haben. Nur ist es eben keine Me-Time im eigentlichen Sinn. Me-Time wäre Zeit mit mir, und vor dem Bildschirm bin ich vor allem mit dem Bildschirm.

Den Unterschied spüre ich körperlich. Wenn ich mich für zwanzig Minuten hinsetze und meditiere, bemerke ich, wie mein Inneres aufatmet. Kein großes Programm, keine Stunde Disziplin, nur dieser eine Moment, in dem nichts nach mir greift. Danach bin ich ruhiger als nach jedem Serienmarathon, und zwar auf eine Weise, die länger bleibt.

Die Mischung macht es am Ende. Eine Folge am Abend und zwanzig Minuten Stille sind kein Widerspruch, solange du den Unterschied kennst und nicht das eine für das andere hältst. Mehr zu dieser Bewegung steht auch in meinem Text dazu, was beim Meditieren im Gehirn passiert.

Wenn du diese Ruhe einmal in größerer Form erleben möchtest: Am 12. und 13. September biete ich dazu ein Wochenende in der Akademie am See in Plön an. Die genauen Zeiten und den Buchungslink findest du im Block direkt unter diesem Artikel. Zwei Tage, an denen du dir selbst wieder näher kommst, statt dich abzulenken.

Der Unterschied zwischen Ablenkung und Ruhe

Ablenkung füllt die Zeit. Ruhe gibt sie dir zurück. Beides fühlt sich am Anfang ähnlich an, weil beides eine Pause vom Tun verspricht. Der Unterschied zeigt sich erst danach, in der Nacht, am Morgen, in dem leisen Gefühl, ob du bei dir warst oder nur beschäftigt.

Was würdest du an einem Abend bemerken, an dem du den Bildschirm einmal dunkel lässt und schaust, was dann ankommt?

Häufige Fragen

Warum komme ich abends nicht zur Ruhe?
Oft, weil die vermeintliche Entspannung das Nervensystem weiter anregt. Bildschirme, Nachrichten und automatisch startende Folgen halten dein Suchsystem in Bewegung. Der Körper sitzt still, innerlich läuft er weiter.

Hilft Fernsehen beim Entspannen?
Kurzfristig kann es ablenken und beruhigen. Über den Abend hinweg führt dauerndes Schauen jedoch eher zu einem benommenen als zu einem erholten Zustand, weil echte Ruhe Reizarmut braucht.

Warum schlafe ich nach einem Serienabend schlechter?
Spätes Licht und Anregung verkürzen den erholsamen Anteil des Schlafs. Du schläfst vielleicht schnell ein, ruhst aber weniger tief und wachst trotz ausreichender Stunden unausgeruht auf.

Wie komme ich wirklich zur Ruhe?
Indem du Reize reduzierst, statt neue hinzuzufügen. Schon zwanzig Minuten Stille oder Meditation bringen das System spürbar herunter, weil die Aufmerksamkeit nach innen geht, statt nach außen gezogen zu werden.

Quellen

*Lembke, A. (2021): *Dopamin Nation. Ein Gleichgewicht finden im Zeitalter des Vergnügens.

*Walker, M. (2018): *Das große Buch vom Schlaf.

Du bist auf dem spirituellen Blog von BuddhasPfad. Hier geht es um Meditation als Praxis der Aufmerksamkeit und darum, was sich verändert, wenn du damit ernst machst.

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Manchmal reicht ein neuer Blickwinkel, damit sich etwas verschiebt. Wenn dieser Impuls etwas in dir angestoßen hat, kannst du mir hier eine Tasse Tee dalassen.

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